"Hungrige Zeiten" von Annika Fechner (neu)

>> Weiter, weiter, du musst...!! Und dann vergesse ich, wie man läuft. Ich stehe mitten auf dem Weg, einem Feldweg mit einer Löwenzahnwiese auf der einen und einem abgeernteten Rapsfeld auf der anderen Seite, und meine Füße gehen keinen Schritt mehr. Sie können es nicht mehr, haben es vergessen oder verlernt, oder ich bin es, die sich nicht daran erinnert, welchen Befehl ich erteilen muss, um sie in Bewegung zu versetzen. Sie zittern ein bisschen, diese unzuverlässigen Beine, und ich ahne, begreife, dass ich mich jetzt hinsetzen muss oder sie knicken einfach so unter mir weg. Ich setze mich auf die sonnenwarmen Schottersteine mit den Grasbüscheln dazwischen. Sitze da und starre, ohne etwas zu sehen. Wieder einmal glüht mein Schädel, tost es in meinen Ohren, und das Licht ist zu hell.
Wie lange ich dort sitze, ich weiss es nicht, hundert Jahre und einen Tag, und als ich aufstehe, bin ich der älteste Mensch der Welt. Meine Beine finden den Weg zurück, jedoch stolpernd, unsicher, nur mühsam erinnern sie sich an den Vorgang des Gehens.
Das Esszimmer ist still und leer, als ich es betrete, niemand rechnet so rasch mit meiner Rückkehr. Der Nebel in meinem Kopf ist so dick, dass es fast wehtut, unnd ich sehne mich danach, einzuschlafen. Am helllichten Tag? Bist du verrückt? Schwach, willst du das sein, ein schwaches Stück Vieh?
Ich klettere in mein Zimmer hinauf, das Atmen fällt mir sonderbar schwer. Ich schalte den Fernseher an, Lärm und Geräusche gegen das Rauschen in meinem Kopf, und fange an zu essen, ohne Hunger und ohne Lust, Hauptsache beschäftigt.
Dann steht mein Vater in der Tür, er will mich mitnehmen ins Krankenhaus, ich schreie ihn an, dass er verschwinden soll, denn er unterbricht meinen Fressanfall, und ich spüre die Kalorien in meinem Magen drohend pochen.
"Ich sehe mir das gerade an!", im Fernsehen läuft "Prinzessin Fanthagiro", mein Vater gibt nach, er geht: "Na gut, aber wenn es zu Ende ist, kommst du." Ich löffle die angefangene Dose kalter Ravioli leer, gehe kotzen, ziehe mir einen anderen Pullover an, und bin bereit, mir Blut entnehmen zu lassen. Wenn das alle beruhigt... im Flur treffe ich meine Mutter, überraschenderweise nimmt sie mich in den Arm, in ihren Augen sehe ich Tränen.
"Geh ins Krankenhaus, Annika", bittet sie. "Geh ins Krankenhaus und bleibe dort." Ich erwidere die Umarmung unbeholfen, ihre Tränen beschämen mich, aber ich kann nicht dort bleiben! <<

Im letzten Drittel, als Annika noch 31 kg wiegt. Ihr Vater ist Arzt.

Meine Meinung: Das zweitbeste ES-Buch, das ich bis jetzt gelesen habe. Offen, ehrlich und unglaublich schlimm... es zeigt, wie es kommen kann. Kommt wirklich fast an Alice im Hungerland ran. Wirklich lesenswert... einmal hatte ich Tränen in den Augen. Aber: man sollte es nicht lesen wenn man eine Therapie macht - es triggert!
 




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