"Alice im Hungerland" von Marya Hornbacher

>> Im Krankenhaus verberge ich das Gesicht in den Händen, als eine schöne Frau in der Gruppe zu weinen beginnt, während sie damit herausplatzt, daß sie Angst vor ihrer eigenen Leidenschaft hat, vor ihrer körperlichen Leidenschaft, ihrem Verlagen nach einem Liebhaber. Der Rest der Gruppe sitzt betreten schweigend da, starrt zu Boden, jede einzelne Frau gibt vor, nicht zu wissen, um was es geht, jede versichert sich selbst, daß sie nicht versteht, was sie meint: So haben wir nie empfunden. Später treiben wir unseren Scherz mit diesem Thema: Sex ist doch nur gut zum Kalorienverbrennen, oder? Und wir lachen. Doch ich hatte verstanden, was die Frau meint. Mein Gesicht brannte, als ob mein Verständnis mich als eine derjenigen Frauen entlarvte, die sich gehen ließen, deren Gefühle ihrem Inneren entsprangen, deren Körper sich manchmal in wortloser Freude dem Partner entgegenbäumen. Ich wollte keine von diesen Frauen sein... In dem Jahr, das ich im Internat verbrachte, versuchte ich, genau diesen Teil meines Selbst wegzuhungern. Die Aufnahme von Nahrung, die Aufnahme eines Geliebten wird als Eingeständnis der Schwäche und der Bedürftigkeit betrachtet, als Eingeständnis des Wunsches nach körperlicher Befriedigung, als Zeichen, daß man sich der "niederen", der minderwertigeren Seite seines Selbst unterwirft. Eine lose Frau, das ist man, wenn die Leidenschaften außer Kontrolle geraten. Die Regeln unserer Kultur schreiben vor, daß eine gute Frau Sex und Nahrung mit einem Seufzer der Unterwerfung annimmt. Stumm soll sie zur Decke blicken und nur die Reste knabbern. Außerdem macht mich Sex immer hungrig. Ebenso wie Marihuana. Also mied ich beides. Nachts lagen Lora und ich nebeneinander in unseren Betten. Das Winterlicht war hell und blau und tauchte das Zimmer in unheimliche Schatten. Sie schlief fast noch schlechter als ich. Wir lagen da und redeten unaufhörlich, von Gedichten und Geschichten, von Schriftstellern und Sprache, heiße Schauer aus Worten. In den frühen Morgenstunden wurden unsere Stimmen leiser, bis sie schließlich ganz verstummten. Wir sprachen darüber, wohin wir gehen wollten. Was wir schreiben würden. Selten sprachen wir über das Leben, das wir hinter uns gelassen hatten. Wie die Uhr dem Morgengrauen entgegenkroch, redeten wir nur noch Unsinn. Sie nannte mich Max. Der Winter dauerte an, länger als lang, und wir standen kurz davor, den Verstand zu verlieren. Meine Manie steigerte sich in Wahnsinn. Nachts saß ich im Lesesaal, tippte wie wild auf der Schreibmaschine herum und verfaßte surrealistische Geschichten. Ich saß an meinem Schreibtisch in unserem Zimmer, trank Tee, flog mit Höchstgeschwindigkeit. Auf einer Woge des Zorns fegte sie ins Zimmer. Oder sie fegte hinein und lachte wie eine Irre. Oder sie fegte ins Zimmer und setzte sich unter den Schreibtisch, um dort ein Glas Erdnußbutter in sich hineinzustopfen. Sie war süchtig nach Zucker. Sie verschlang ihn päckchenweise, ebenso wie die langen, bunten Zuckerstangen. Sie war ständig in Bewegung. Zuerst fragte ich mich, ob auch sie ein Problem mit dem Essen hätte, da sie hauptsächlich von Zucker und Weißbrot mit Erdnußbutter oder Gelee lebte, aber meine Sorge war (wie sie mir darlegte) "reine Übertragung, ernsthaft, Max. Vielleicht hast du ja auch einfach nur Hunger." An manchen Samstagen fuhren wir zusammen in die Stadt, kauften tütenweise Bonbons, Bisquitröllchen mit Cremefüllung (wir bevorzugten beide Vanille; sie roch immer köstlich und benutzte reines Vanilleextrakt als Parfüm, was mich wiederum hungrig macht), Gummibärchen und saure Drops, bei deren Genuß man unwillkürlich das Gesicht verzog, sowie Karamellbonbons. Wir lagen rücklings auf den Betten, lauschten der Musik von The Who und Queen und bellten mit klebrig-vollem Mund: "I AM THE CHAMPION, YES I AM THE CHAMPION", oder wir hängten uns an die Rohre über dem Bett und fielen mit wildem Gekreische zu Boden. <<

Ein Abschnitt aus der berühmten Autobiogrofie von Marya Hornbacher.

Meine Meinung: Dieses Buch hat mich zum weinen gebracht. Und das hat noch kein - ich betone, kein - Buch geschafft. Dieses Buch hat mich gefesselt, wie noch kein anderes. Dieses Buch hat mich so beeindruckt.
Es war das erste Buch, in dem ich mich erkannt habe. Es ist das beste ES-Buch, das ich je gelesen habe - und das heißt was! Marya schreibt offen und ehrlich, lässt kein Detail aus - und wenn man liest, was sie alles erfahren und durchmachen musste, bleibt einem nichts anderes übrig, als den Mund offen zu halten - und zu weinen.
Man sollte es nicht lesen, wenn man in Therapie ist! Es triggert sehr stark! 




Gratis bloggen bei
myblog.de