Warum fasziniert ES so?
Dezember 2001.
Langsam schlendert sie ins enge Wohnzimmer zum alten Fernseher. Sie trägt ein altes, weites T-Shirt und gewöhnliche Jeans, Größe 176 aus der Kinderabteilung. Sie setzt sich auf den mächtigen, bequemen Stuhl, schnappt sich die Fernsehbedienung und zappt auf ZDF. Es läuft eine Dokumentation. Noch heute hört das Mädchen die Stimme der Reporterin:
"Anna mit 14 [Bild]. Ein lustiges, lebensfrohes Mädchen. Normal eben. Das ist Anna mit 15 [Bild]. Abgemagert bis auf die Knochen. Und das ist Anna ein paar Wochen später [Bild von Grabstein].
Anna ist tot. Gestorben mit 15. Gestorben an der tödlichen Krankheit anorexia nervosa - zu Deutsch Magersucht.
Niemand hat etwas bemerkt. Anna war ein fröhlicher Teenager, hilftsbereit, ehrgeizig und engagiert. Ihre Mutter merkte, dass Anna immer dünner wurde, immer zurückhaltender. Aber sie erklärte sich das durch den Schulstress. Schließlich war Anna mit Abstand Klassenbeste.
Als ihre Mutter sie eines Morgens in ihrem Bett fand und natürlich sofort den Krankenwagen rief, war es bereits zu spät. Die Ärzte stellten die Todesursache fest: Herzversagen. Am Schluss betrug ihr Gewicht bei 1,65 m nur mehr 32 kg.
Immer mehr Mädchen geraten in den Sog der Magersucht. Spezialisten und Psychologen erklären sich das mit den steigenden Erwartungen, die in den Medien eine große Rolle spielen-"
Gebannt starrt das Mädchen auf den Bildschirm. Den Mund leicht geöffnet.
Wow...
Vielleicht haben einige schon gemerkt, wer dieses Mädchen war/ist.
Ich war 12 Jahre alt, wusste weder, dass es Magermodels gab, noch was Magersucht ist. Und doch faszinierte es mich so, so sehr...
Ich weiß bis heute nicht, WAS mich an der Anorexie so fasziniert.
Früher - und manchmal auch noch heute - wollte ich immer einmal in den USA studieren. Ich wache in meiner Bude auf, dusche und schminke mich, ziehe mich an, laufe rüber zu Starbucks und setze mich an den Tisch, von dem man am besten über die Straße sehen kann. Mein Outfit sitzt perfekt - Business und Eleganz. Ich hole meine Notizen von der letzten Vorlesung hervor, studiere sie und bestelle mir einen großen, schwarzen Kaffee.
Ich habe keinen Hunger.
Ich habe nie Hunger.
Was faszniert mich so daran, kein Essen zu brauchen?
Es ist nicht die Tatsache, dann dünn zu sein. Meinetwegen kann ich immer bei 50 kg rumkurven - ich will einfach etwas: stark sein - kein Essen brauchen.
Ich will nicht, dass ich kein Hungergefühl habe.
Warum wurde der Mensch nicht so geschaffen, dass er kein Essen benötigt?
Ich liebe es, meinen leeren Magen mit Kaffee zu füllen, ich liebe es, abends in mein Tagebuch zu schreiben "Gegessen? Nichts! Denn ich bin stark!"
Warum kann ich meine Stärke nicht anderswo zeigen?



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